Eure Texte

Gay sein – Teil 2

Mittlerweile habe ich keine Lust mehr, mich fest und verbindlich in eine Schublade einzuordnen. Homo, Bi oder Hetero? Ist mir doch egal! Wie schon gesagt, nichts ist festgeschrieben und klare Grenzen gibt es sowieso nicht. All das ist ein riesiges Spektrum, auf dem man sich frei bewegen kann, anstatt Schubladen, in die man sich zwängen muss. Beim Geschlecht verhält es sich genauso. Jeder Mensch ist individuell.

Was ich aber schade finde: All diese Dinge musste ich mühsam selbst herausfinden. Es hat für mich über 5 Jahre gedauert und immer noch habe ich das Gefühl, der Gedankenprozess geht weiter seinen Weg.

Zudem gibt es sicher auch viele Menschen, die sich nicht so viel mit den Themen Geschlecht und Sexualität auseinandergesetzt haben. Das soll auch keine Kritik sein, denn das hängt schließlich von vielen Faktoren ab, zum Beispiel: Herkunft und Kultur, Familie, Umfeld, Interesse, manchmal auch einfach der Zufall und die Schule… Ja, Schule! Und da ist der Punkt, auf den ich hinaus will! Ich wurde in der Schule viel zu wenig aufgeklärt! Warum beschränkt sich die Aufklärung, die ich hier erhalten habe, auf den biologischen Aufbau der Geschlechtsteile und ein bisschen Verhütung? Dann noch die Periode und ein oder zwei Geschlechtskrankheiten dazu, fertig.

Sex, Liebe und Geschlecht sind unglaublich vielfältig und bieten definitiv viel mehr Gesprächsstoff als nur die biologische Komponente! Alles das, was ich eben in einigen Sätzen zusammengefasst und hier niedergeschrieben habe, verdient es eindeutig, im Unterricht besprochen zu werden.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich wirklich froh bin, dass meine Eltern schon immer gesagt haben ‚Lieb die Person auf die du Bock hast, Geschlecht und alles andere egal!‘ Sonst wäre ich vermutlich ziemlich aufgeschmissen und verwirrt gewesen, hätte ich mich wie jetzt ins gleiche Geschlecht verliebt. Die Schule hat mir das nämlich nicht vermittelt…

Und leider weiß ich aus eigener Erfahrung: Dass ich Glück hatte und in dieser Hinsicht so offen erzogen worden bin, ist definitiv nicht der Normalfall! Deswegen ist Aufklärung im Bereich anderer Sexualitäten und Geschlechtsidentität auch dafür da, Schülern ein wenig das zu vermitteln, was meine Eltern mir mitgegeben haben, damit sie sich frei entfalten können wenn sie mögen und Toleranz gegenüber anderer Lebensgestaltung zeigen. Und dafür, dass sie sich sicher sein können: Ich bin okay, so wie ich bin und mit mir ist nichts falsch. Das unterstützt die Selbstfindung in der Pubertät sicherlich um einiges.

Aufklärung ist zudem auch eine wichtige Form der Gesellschaftsarbeit. Sie steigert Toleranz und Akzeptanz in einer zukünftigen Gesellschaft und schenkt anderen Menschen eventuell eine Form von Freiheit, die sie sonst nicht haben könnten. Denn wieder kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Diskriminierung gegenüber der queeren Community ist weiterhin präsent!

Fortsetzung folgt…

Von Anonym